Kann Adobe einpacken? KI-Klone greifen jetzt auch Microsoft Office an
15.10.2026 um 11:04 Uhr, von Anne

- Der Entwickler Brandon Thomas hat mit ArtCraft kostenlose, KI-gestützt entwickelte Nachbauten bekannter Adobe-Programme veröffentlicht. Inzwischen sind auch Alternativen zu Microsoft Word, Excel und PowerPoint hinzugekommen.
- Die Programme sind Open Source und teilweise bereits nutzbar, befinden sich jedoch noch in einer frühen Entwicklungsphase. Zahlreiche Funktionen, Stabilität und Sicherheitsprüfungen fehlen.
- Die Entwicklung könnte den Wettbewerb im Softwaremarkt verändern. Ob daraus eine ernsthafte Bedrohung für Adobe, Microsoft und andere etablierte Anbieter entsteht, ist allerdings noch offen.
Inhaltsverzeichnis
Photoshop, Illustrator, Premiere und jetzt auch Word, Excel und PowerPoint: Was bislang nach jahrelanger Softwareentwicklung klang, lässt sich mithilfe künstlicher Intelligenz offenbar in erstaunlich kurzer Zeit zumindest teilweise nachbauen. Der Entwickler Brandon Thomas sorgt mit seinem Open-Source-Projekt ArtCraft für Aufmerksamkeit, weil er kostenlose Alternativen zu bekannten Anwendungen von Adobe und Microsoft veröffentlicht hat.
Noch sind die Programme keine vollwertigen Ersatzprodukte. Doch die eigentliche Nachricht reicht weit über einen kostenlosen Photoshop-Klon hinaus: Wenn einzelne Entwickler mithilfe von KI komplexe Software in kurzer Zeit nachbilden können, geraten möglicherweise auch die Geschäftsmodelle großer Softwarekonzerne unter Druck.
Erst Photoshop, dann Microsoft Office: Was steckt hinter ArtCraft?
Der Softwareentwickler Brandon Thomas hat sich vorgenommen, bekannte kommerzielle Anwendungen mithilfe von KI-gestützter Programmierung nachzubauen. Sein Projekt ArtCraft umfasst unter anderem Alternativen zu Photoshop, Lightroom, Illustrator, Premiere und InDesign. Die Programme werden kostenlos angeboten und sind als Open-Source-Software konzipiert. Damit können andere Entwickler den Quellcode einsehen, verändern und an der Weiterentwicklung mitarbeiten. Besonders bemerkenswert ist die Geschwindigkeit, mit der die Anwendungen entstanden sein sollen. Thomas setzt nach eigenen Angaben intensiv auf KI-Werkzeuge bei der Softwareentwicklung. Dieser Ansatz wird häufig als Vibe Coding bezeichnet: Entwickler beschreiben Funktionen und Anforderungen in natürlicher Sprache, während KI-Systeme große Teile des Programmcodes erzeugen. Wenige Tage nach der Aufmerksamkeit für seine Adobe-Nachbauten legte Thomas nach. Mit WordCraft und weiteren Anwendungen präsentierte er auch KI-generierte Alternativen zu Microsofts Office-Programmen.
Damit richtet sich das Projekt nicht mehr nur gegen einen einzelnen Softwareanbieter, sondern demonstriert einen Ansatz, der theoretisch zahlreiche etablierte Anwendungen betreffen könnte.
Wie gut funktionieren die KI-Klone tatsächlich?
So beeindruckend die Geschwindigkeit der Entwicklung erscheint, so wichtig ist die Unterscheidung zwischen einer funktionierenden Demo und einer ausgereiften Software. Ein Praxistest von Watson beschreibt den Photoshop-Nachbau PhotoCraft als überraschend brauchbar für einfachere Bildbearbeitungsaufgaben. Die Oberfläche erinnert stark an das Original, bekannte Tastenkombinationen funktionieren und auch Photoshop-Dateien im PSD-Format lassen sich öffnen. Gleichzeitig zeigen sich deutliche Einschränkungen. Dazu gehören Darstellungsfehler, begrenzte Exportmöglichkeiten und Probleme bei der Zusammenarbeit verschiedener Anwendungen. Der Entwickler selbst bezeichnet den aktuellen Entwicklungsstand als sehr frühe Alpha-Version. Von einem vollständigen Ersatz für Adobe Photoshop oder Microsoft Office kann deshalb noch keine Rede sein.
Gerade professionelle Nutzer sind auf zuverlässige Funktionen, kompatible Dateiformate, stabile Arbeitsabläufe und regelmäßige Sicherheitsupdates angewiesen. Ob ArtCraft diese Anforderungen langfristig erfüllen kann, muss sich erst zeigen.
Ist das der Anfang eines Angriffs auf große Softwarekonzerne?
Die spannendste Frage ist nicht, ob ArtCraft heute schon besser als Photoshop ist. Interessanter ist, wie stark künstliche Intelligenz die wirtschaftlichen Voraussetzungen für Softwareentwicklung verändern könnte. Bislang erforderte die Entwicklung komplexer Kreativ- und Bürosoftware erhebliche Investitionen, große Entwicklerteams und viele Jahre kontinuierlicher Arbeit. KI-gestützte Programmierung könnte zumindest einen Teil dieser Hürden senken. Wenn kleine Teams oder einzelne Entwickler bestimmte Funktionen schneller und günstiger umsetzen können, steigt möglicherweise der Wettbewerbsdruck auf etablierte Anbieter. Das bedeutet allerdings nicht automatisch das Ende großer Softwarekonzerne. Adobe und Microsoft verkaufen längst nicht nur einzelne Funktionen. Ihre Produkte sind in professionelle Arbeitsabläufe eingebunden, bieten umfangreiche Integrationen und werden durch Support, Weiterentwicklung und etablierte Dateiformate ergänzt. Gerade für Unternehmen ist diese Zuverlässigkeit häufig wichtiger als ein niedriger Anschaffungspreis.
Dennoch könnte KI-generierte Software den Markt verändern. Vor allem Nutzer, die nur einen kleinen Teil der Funktionen teurer Abonnementprogramme benötigen, könnten künftig häufiger auf günstigere Alternativen ausweichen.
Das Abo-Modell unter Druck: Was passiert, wenn Software fast kostenlos wird?
ArtCraft trifft einen empfindlichen Punkt vieler etablierter Softwareangebote: die laufenden Abonnementkosten. Wer nur gelegentlich Bilder bearbeiten, Dokumente erstellen oder einfache Videos schneiden möchte, benötigt möglicherweise keine umfangreiche professionelle Software-Suite. Kostenlose Open-Source-Alternativen gibt es zwar schon lange. Neu ist jedoch die Aussicht, dass mithilfe von KI weitere Anwendungen schneller entwickelt und an bekannte Bedienkonzepte angepasst werden können.
Dadurch könnte eine wichtige Wechselhürde sinken: Nutzer müssten sich möglicherweise weniger stark an neue Oberflächen und Arbeitsweisen gewöhnen.
Allerdings entstehen auch bei KI-generierter Software Kosten. Entwicklung, Fehlerbehebung, Sicherheitsprüfungen und langfristige Wartung müssen finanziert werden. Thomas setzt nach den vorliegenden Berichten perspektivisch auf kostenpflichtige KI-Zusatzfunktionen. Das Geschäftsmodell wäre damit nicht vollständig kostenlos, könnte aber eine andere Kostenstruktur als klassische Software-Abonnements ermöglichen.
Rechtliche Fragen: Darf man Photoshop einfach nachbauen?
Der Nachbau bekannter Software wirft rechtliche Fragen auf. Wie der WDR berichtet, hält der IT-Rechtsanwalt Niklas Mühleis die eigenständige Nachbildung von Softwarefunktionen grundsätzlich für möglich, solange nicht einfach geschützter Programmcode übernommen wird. Problematisch kann es jedoch werden, wenn Benutzeroberflächen, Marken oder andere geschützte Gestaltungselemente zu weitgehend kopiert werden.
Gerade die große Ähnlichkeit der ArtCraft-Oberflächen mit den bekannten Originalen könnte deshalb rechtliche Auseinandersetzungen auslösen. Ob einzelne Bestandteile des Projekts Rechte Dritter verletzen, lässt sich aus den bislang veröffentlichten Berichten nicht abschließend beurteilen.
Warum KI-generierte Software auch Sicherheitsrisiken mitbringt
Neben der rechtlichen Seite stellt sich eine weitere Frage: Wie sicher sind Anwendungen, die in sehr kurzer Zeit mit KI entwickelt werden? Dass ein Programm startet und wichtige Funktionen ausführt, bedeutet noch nicht, dass sein Quellcode ausreichend geprüft wurde. Fehlerhafte Zugriffsrechte, unsichere Bibliotheken, unzureichende Eingabeprüfungen oder fehlende Wartungsprozesse können auch bei KI-generierter Software auftreten. Der WDR verweist deshalb auf die Empfehlung, junge KI-Anwendungen zunächst vorsichtig zu testen und Sicherheitsprüfungen abzuwarten.
Für Unternehmen ist das besonders relevant, wenn Programme mit vertraulichen Dokumenten, Kundendaten oder geschäftskritischen Dateien arbeiten. Auch Open Source ist kein automatisches Sicherheitsversprechen. Öffentlich zugänglicher Quellcode ermöglicht unabhängige Prüfungen, garantiert aber nicht, dass diese tatsächlich stattfinden.
Wie solche Risiken bei KI-generierten Anwendungen entstehen, erläutern wir ausführlicher in unserem Beitrag Website mit KI erstellen: Die unterschätzten Sicherheitsrisiken für Unternehmen und Online-Marketing.
Was bedeutet diese Entwicklung für Agenturen und Online-Marketing?
Für Agenturen, Marketingabteilungen und kleinere Unternehmen könnte die Entwicklung langfristig besonders interessant werden. Bildbearbeitung, Videoproduktion, Präsentationen und Dokumentenerstellung gehören in vielen Betrieben zum Arbeitsalltag. Gleichzeitig verursachen professionelle Software-Abonnements laufende Kosten.
Sollten KI-generierte Alternativen ausreichend zuverlässig werden, könnten Unternehmen ihre Softwareausgaben reduzieren oder Werkzeuge stärker an individuelle Anforderungen anpassen. Noch interessanter ist möglicherweise ein anderer Effekt: Statt sich ausschließlich an bestehende Standardsoftware anzupassen, könnten Unternehmen künftig häufiger kleinere, spezialisierte Anwendungen für ihre eigenen Prozesse entwickeln lassen. Ein Marketingteam benötigt beispielsweise nicht immer den gesamten Funktionsumfang einer großen Kreativsoftware. Manchmal reichen bestimmte Werkzeuge für die Bildaufbereitung, die Erstellung wiederkehrender Werbemittel oder die Bearbeitung von Kampagnendaten. KI-gestützte Entwicklung könnte solche spezialisierten Lösungen wirtschaftlich attraktiver machen. Ob sie sich im Alltag durchsetzen, hängt jedoch weiterhin von Qualität, Wartung, Sicherheit und Integrationsfähigkeit ab.
Fazit: Adobe muss noch nicht einpacken, aber der Softwaremarkt könnte sich verändern
ArtCraft ist derzeit vor allem ein bemerkenswertes Experiment. Die Programme zeigen, wie weit KI-gestützte Softwareentwicklung bereits gekommen ist, offenbaren aber auch ihre Grenzen. Adobe und Microsoft müssen ihre etablierten Produkte deshalb nicht kurzfristig abschreiben.
Trotzdem könnte hinter dem Projekt eine Entwicklung stehen, die weit über Photoshop und Office hinausgeht: Wenn die Kosten für die Entwicklung komplexer Software sinken, wird es für neue Wettbewerber leichter, etablierte Märkte anzugreifen.
Ob daraus eine neue Generation leistungsfähiger Open-Source-Anwendungen entsteht oder ArtCraft ein interessantes Experiment bleibt, ist offen. Für die großen Softwarekonzerne könnte sich langfristig jedoch eine unangenehme Frage stellen: Wie viel sind teure Software-Abonnements noch wert, wenn immer mehr Funktionen auch anderswo verfügbar werden?




















