GEO & KI-Sichtbarkeit: Zwischen neuer Realität und falschen Erwartungen
16.12.2025 um 20:29 Uhr, von Anne
Update: 19.12.2025 um 10:40

Warum gerade alle durchs Dorf rennen – und was davon wirklich bleibt
Es gibt in der SEO-Welt ein bewährtes Ritual:
Sobald sich ein neues Buzzword zeigt, wird es genommen, aufgeladen, vergrößert und wie die sprichwörtliche Sau durchs Dorf getrieben. Aktuell heißt diese Sau: GEO, KI-Sichtbarkeit und „AI Visibility“.
Kaum ein Agentur-Newsletter, kaum ein LinkedIn-Post kommt ohne den Hinweis aus, dass klassische Search „bald tot“ sei und dass jetzt alles auf KI, LLMs und generative Interfaces ausgerichtet werden müsse. Wer jetzt nicht investiert, verliert angeblich den Anschluss. Wer jetzt nicht optimiert, wird angeblich unsichtbar.
Die Frage ist nur:
Was davon ist realistische Performance-Chance und was ist Nebelkerze?
Worum geht es bei GEO und KI-Sichtbarkeit eigentlich?
Im Kern geht es bei GEO (Generative Engine Optimization) und KI-Sichtbarkeit darum, in Antworten von KI-Systemen aufzutauchen. Also dort, wo Nutzer nicht mehr zehn blaue Links sehen, sondern eine zusammengefasste Antwort, idealerweise mit Quellen.
Das Versprechen klingt verlockend:
Wenn wir als Quelle genannt werden, profitieren wir von Reichweite, Vertrauen und Markenaufbau, vielleicht sogar ganz ohne klassischen Klick.
Aber genau hier beginnt das erste Problem.
Die unbequeme Frage: Werden wir überhaupt gesehen?
In der Praxis zeigt sich aktuell ein nüchternes Bild.
Selbst wenn Websites als Quelle in KI-Antworten auftauchen, ist die visuelle Präsenz extrem begrenzt. Kleine Quellenhinweise, oft ohne Logo, häufig ohne klaren Kontext. Ein Klick ist möglich, aber kein Selbstläufer.
In absoluten Zahlen ist das aktuell nicht mit klassischer Search vergleichbar.
Auch nicht mit Discover. Und erst recht nicht mit News-Traffic in Hochphasen.
Wer heute behauptet, GEO liefere bereits stabile, skalierbare Klickzahlen, sollte sehr genau erklären, woher diese Zahlen kommen und über welchen Zeitraum sie gemessen wurden.
KI-Sichtbarkeit vs. klassische Performance-Kanäle
Ein Realitätscheck hilft:
- Search liefert nach wie vor den größten Anteil planbarer Nachfrage.
- Discover sorgt für volatile, aber teilweise massive Peaks.
- News funktioniert situativ und themengetrieben.
- KI-Interfaces liefern aktuell vor allem eines: Aufmerksamkeit auf Antwort-Ebene, nicht auf Klick-Ebene.
Das heißt nicht, dass KI-Sichtbarkeit irrelevant ist.
Aber sie ist (noch) kein Ersatz für Search, sondern eher ein zusätzlicher Layer, vergleichbar mit frühen Featured Snippets oder Knowledge Panels.
Warum sich trotzdem gerade alles auf GEO stürzt
Der Grund ist weniger technisch als psychologisch. Nutzerverhalten verändert sich sichtbar. Menschen fragen häufiger direkt KI-Systeme. Die Angst, den nächsten Umbruch zu verpassen, sitzt tief, besonders nach Mobile, Voice und Core Web Vitals.
Dazu kommt:
GEO lässt sich aktuell schwer messen, schlecht vergleichen und gut verkaufen.
Ein perfekter Nährboden für ambitionierte Versprechen.
Lohnt sich der Invest in GEO-Agenturen?
Die ehrliche Antwort lautet: Es kommt darauf an, aber anders als oft verkauft.
Wer glaubt, GEO sei ein eigenständiger Disziplin-Ersatz für SEO, wird enttäuscht.
Wer hingegen versteht, dass KI-Sichtbarkeit ein Resultat guter digitaler Grundlagen ist, nicht deren Ersatz, liegt näher an der Realität.
Denn KI-Systeme greifen auf genau das zurück, was SEO seit Jahren predigt:
- saubere Entitäten
- klare Markenführung
- konsistente Inhalte
- thematische Autorität
- technisches Fundament
Mit anderen Worten:
GEO ist kein Shortcut, sondern ein Spiegel.
Markenaufbau: wichtig, aber nicht neu
Ja, Marken werden in KI-Antworten häufiger genannt als No-Name-Seiten.
Ja, Wiedererkennbarkeit hilft.
Nein, das ist keine neue Erkenntnis.
Markenaufbau war schon immer eine der nachhaltigsten SEO-Strategien, nur hieß er früher nicht GEO. KI verstärkt diesen Effekt, ersetzt ihn aber nicht.
Und auch hier gilt: Marke entsteht nicht durch Optimierung für KI, sondern durch Relevanz für Menschen.
Was auf dieser Seite der SEO-Macht wirklich zählt
Wenn man den Hype einmal ausblendet, bleibt etwas sehr Bodenständiges übrig.
Gute Inhalte, klare Positionierung, technisches Handwerk, Verständnis für Nutzerintentionen, all das ist nicht plötzlich obsolet geworden.
Im Gegenteil:
Je mehr Interfaces Antworten vorfiltern, desto wichtiger wird es, eine der Quellen zu sein, die man ernst nimmt.
Das ist kein Trend-Thema.
Das ist solides digitales Arbeiten.
SEO, KI und neue Begriffe: Googles Perspektive
In einer neuen Episode des Podcasts „Search Off the Record“ sprechen John Mueller und Danny Sullivan von Google über den Einfluss von KI auf SEO und neue Begriffe wie AIO, GEO oder AEO. Dabei stellen sie klar, dass SEO weiterhin der übergeordnete Rahmen bleibt und neue Bezeichnungen lediglich unterschiedliche Ausprägungen oder Teilbereiche beschreiben.
Ein zentraler Fokus liegt auf der Content-Erstellung: Inhalte sollten in erster Linie für Menschen entwickelt werden, nicht für einzelne KI-Modelle oder Algorithmen. Gerade weil KI einfache Fakten zunehmend selbst beantworten kann, gewinnen Originalität, eine klare Haltung und eine authentische Stimme für Websites an Bedeutung.
Zudem wird betont, dass Suchanfragen immer häufiger visuell und sprachbasiert erfolgen, weshalb multimodale Inhalte wie Bilder und Videos wichtiger werden. Erfolg sollte dabei weniger an reinen Klickzahlen gemessen werden, sondern stärker an der Qualität der Besuche und tatsächlichen Conversions.
Fazit: Zwischen Sau und Substanz
GEO und KI-Sichtbarkeit sind weder reine Nebelkerze noch die eine große Erlösung.
Sie sind ein Symptom für einen echten Wandel, aber kein Freifahrtschein für schnelle Performance.
Wer jetzt alles stehen und liegen lässt, um „nur noch KI“ zu machen, vergisst den Kern.
Wer sich aber verweigert, verpasst wichtige Lernkurven.
Die Wahrheit liegt, wie so oft dazwischen:
- Trends beobachten, testen, einordnen.
- Grundlagen pflegen, Marke aufbauen, Nutzer verstehen.
Und vielleicht ab und zu daran erinnern, dass draußen nicht nur Algorithmen sitzen, sondern Menschen, die manchmal ganz klassisch googeln.
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