Publisher in der KI-Ära: Sichtbarkeit, Risiken und neue Strategien
13.11.2025 um 15:55 Uhr, von Anne

Die digitale Medienlandschaft steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Während Publisher über Jahre hinweg auf Google Search, Google News und Google Discover vertraut haben, verschieben generative KI-Systeme die grundlegende Mechanik von Sichtbarkeit. Inhalte werden zunehmend direkt in KI-Interfaces ausgespielt, Antworten entstehen ohne Klick – und journalistische Marken verlieren Reichweite an Systeme, die Inhalte algorithmisch neu kombinieren. Die Frage lautet daher nicht mehr, wie man für Suchmaschinen optimiert, sondern wie man in einer KI-geprägten Welt weiterhin Relevanz behält.
AI Overviews und das Null-Klick-Problem
Mit Googles AI Overviews wird sichtbar, wie radikal sich Suchergebnisse verändern. Statt klassischer Trefferlisten liefert die Suche automatisierte Zusammenfassungen – Antworten, die vollständig innerhalb der Google-Oberfläche entstehen. Für Publisher bedeutet das, dass Nutzer Informationen konsumieren, ohne die Quelle jemals zu besuchen. Das Null-Klick-Problem, das bisher vor allem bei Featured Snippets diskutiert wurde, weitet sich damit auf große Teile der Suchlandschaft aus.
Reichweite wird dadurch zunehmend unvorhersehbar. Selbst hochwertige journalistische Inhalte werden in Overviews verarbeitet, ohne dass klar ist, ob sie Traffic zurückerhalten. Diese Entkopplung von Recherche und Klick stellt das bisherige Reichweitenmodell infrage – und zwingt Publisher zu neuen Antworten.
Veränderungen in Google Search, Discover und News
Nicht nur die klassische Suche ist betroffen. Auch Google Discover wird stärker algorithmisch personalisiert und weniger vorhersagbar. Es zählt weniger die Aktualität eines Artikels, sondern die Relevanz im Kontext individueller Interessenprofile. Google News wiederum verliert seine Rolle als strukturierter Nachrichtenkatalog, weil KI-Systeme Inhalte nun selbst aggregieren, gewichten und interpretieren.
Publisher sehen sich daher mit einer Suchwelt konfrontiert, in der:
- Vorhersagbarkeit sinkt,
- Algorithmuslogiken sich schneller ändern,
- KI-Modelle Inhalte selbst kuratieren,
- Reichweite stärker vom Verhalten als von SEO abhängt.
Damit gerät ein jahrzehntelang etabliertes System ins Wanken.
GEO – Generative Engine Optimization als neue Disziplin
Parallel dazu entsteht eine neue Form der Sichtbarkeitsoptimierung: GEO – Generative Engine Optimization. Anders als klassische SEO konzentriert sich GEO darauf, Inhalte so zu gestalten, dass KI-Modelle sie verstehen, korrekt zitieren und in ihren Antworten nutzen können.
Das bedeutet:
- Klare, faktenbasierte Inhalte,
- eindeutige Quellenstrukturen,
- konsistente Autorenschaft,
- strukturierte Daten, die maschinell auslesbar sind,
- eine semantische Tiefe, die KI-Systeme interpretieren können.
GEO verschiebt den Fokus von der reinen Web-Sichtbarkeit hin zur Modell-Sichtbarkeit. Publisher müssen sich fragen: Wie gelangen unsere Inhalte in KI-Modelle? Wie werden wir als Quelle berücksichtigt? Die Antwort darauf entscheidet zunehmend über digitale Relevanz.
Chancen: Qualität, Struktur und Autorität werden wichtiger
Trotz der Risiken eröffnet KI Publishern auch neue Möglichkeiten. Generative Systeme bevorzugen Inhalte mit klarer Struktur, hoher Glaubwürdigkeit und eindeutiger Herkunft. Medienmarken, die journalistische Qualität und verlässliche Fakten liefern, haben die Chance, als vertrauenswürdige Quellen in KI-Antworten präsent zu bleiben.
Dieser Wandel stärkt jene Publisher, die:
- sauber recherchieren,
- strukturiert aufbereiten,
- journalistische Standards sichtbar machen,
- Autorität und Transparenz klar kommunizieren.
In einer Welt, in der „Jeder Content produzieren kann“, gewinnt redaktionelle Kompetenz massiv an Wert.
Risiken: Sinkende Klicks, algorithmische Abhängigkeit, wirtschaftlicher Druck
Parallel dazu verschärfen sich die Risiken. Wenn KI Antworten generiert, ohne auf die Originalseiten zu leiten, verlieren Publisher jene Reichweite, die ihre Geschäftsmodelle trägt. Display-Werbung, Paid-Content-Konversionen und Abonnements geraten unter Druck. Gleichzeitig steigt die Abhängigkeit von Plattformen, deren Algorithmen sich täglich ändern und deren Prioritäten nicht transparent sind. Die Frage lautet: Wie kann Journalismus finanziert werden, wenn das Publizieren selbst vom Klick entkoppelt wird?
Neue Strategien für Publisher im KI-Zeitalter
Um langfristig sichtbar zu bleiben, müssen Publisher ihre Strategien erweitern. Es reicht nicht mehr, Inhalte nur für Google aufzubereiten. Relevanz entsteht heute auf vielen Ebenen:
- in KI-Antworten,
- in Social-Search-Feeds,
- in Communities,
- in Newslettern,
- in Apps und Membership-Modellen,
- in direkt aufgebauten Nutzerbeziehungen.
Publisher brauchen eine kanalübergreifende Strategie, die Sichtbarkeit nicht an einzelne Plattformen koppelt, sondern an stabile, direkte Verbindungen zu den Lesenden.
Was diese Entwicklung langfristig bedeutet
Die Transformation der Suche ist nicht das Ende journalistischer Sichtbarkeit, aber sie verändert ihre Bedingungen grundlegend. KI-Systeme kuratieren Inhalte anders, Nutzer konsumieren anders, und Publisher müssen anders produzieren. Sichtbarkeit entsteht nicht länger durch Rankings, sondern durch Vertrauen, Kontext und konsistente Autorität.
Der Journalismus der Zukunft wird nicht nur über Klicks definiert, sondern über die Rolle, die Inhalte in KI-Systemen, sozialen Feeds und digitalen Wissensräumen spielen. Publisher, die diesen Wandel aktiv gestalten, können gestärkt hervorgehen – nicht trotz KI, sondern mit ihr.
